Kinder sollten auch mal warten und Frust aushalten

Das Mädchen ist frustriert an der Tafel – eigentlich könnte es mit Freude etwas lernen wollen.

Es ist bekannt, dass viele Kinder und Jugendliche den Herausforderungen des alltäglichen Lebens immer schwerer gewachsen sind, aber auch junge Erwachsene zunehmend Schwierigkeiten haben, im Studium, in der Ausbildung oder auch im Beruf. Die Kleinen stören den Unterricht, sind unmotiviert, lernunwillig, zappelig – übrigens ist das ja erst einmal völlig norma. Die Großen halten keinen Frust mehr aus, sehen sich als Mittelpunkt der Welt und Erwachsene scheitern immer häufiger in der Arbeitswelt. Was ist los?

Entwicklungsstufen wichtig

Ein wichtiger Punkt ist sicher, dass sich Kinder nicht mehr entsprechend ihrer Grundausstattung, ihrer genetischen Baupläne entsprechend entwickeln können. „Durchlaufen sie nicht alle notwendigen Entwicklungsphasen und bewältigen diese altersgemäß, bleiben sie in einer hängen“, erläutert Dr. med. M. Winterhoff, Bestsellerautor und Kinder- und Jugendpsychiater. Die heutigen Kinder und Jugendlichen seien teilweise auf der Entwicklungsstufe von Kleinkindern stehengeblieben. Das zeige sich an vielen Verhaltensweisen: Die einen hätten überhaupt kein Unrechtsempfinden mehr, die anderen sehen sich weiterhin – auch als junger Erwachsener – noch als Mittelpunkt der Welt. Andere wiederum legen Verhaltensweisen an den Tag, die an 18 Monate alte Kinder erinnern.
Was heißt das nun: Nach der Entwicklungspyramide, die Winterhoff in seinem Buch „SOS Kinderseele“erläutert, wird folgendes deutlich: der Säugling beginnt zu unterscheiden zwischen angenehm und unangenehm – „Unangenehm“ kann er aber nur kennenlernen, wenn man ihm auch die ein oder andere unangenehme Situation „zumutet“. „Erfahrungen sind nur wertvoll, wenn es beide Seiten – positive wie negative – gibt“, betont auch der Kinder- und Jugendpsychologe Dietmar Langer. Ab 10-16 Monate zum Beispiel lernt das Kind zwischen Mensch und Gegenstand zu unterscheiden. Der Mensch lässt sich im Unterschied zum Gegenstand aber möglichst nicht steuern. Mit 3 Jahren sollte die Kindergartenreife erreicht sein. Bedeutet, dass die Kinder Strukturen, Regeln, Abläufe erkennen. Die Erzieherin bietet Orientierung und Schutz. Das Kind macht viele Dinge für die Erzieherinnen wie auch für die Eltern. Gleiches gilt für die Schule. Es erkennt die Schulsituation als solche an, die Lehrerin als Bezugsperson, die ihm etwas beibringen möchte.

Bedürfnisse aushalten

Sehr problematisch ist aber die zunehmende Entwicklung innerhalb unserer Gesellschaft – wir kennen das alle: Die Kinder lernen keinen Bedürfnisaufschub mehr – sie bekommen zu jeder Zeit, zum Teil 24 Stunden, ihre Bedürfnisse sofort befriedigt. Und sei es nur mit 3 Jahren noch Unterhaltungsprogramm frei Bettchen in der Nacht geliefert. Sie bekommen zu jeder Zeit Essen und Trinken – ganze Flaschensortimente, Dosenkontingente mit Nahrungsmitteln werden auf Spielplätze mitgebracht. Sie bekommen, kaum zum Ausdruck gebracht, nahezu jeden Wunsch sofort erfüllt. Eis jetzt? Moment, wir kommen gleich an der Eisdiele vorbei…. Durst! Warte, ich habe etwas dabei. Hunger? Der Bäcker müsste gleich kommen. Schreien und Unlust? Gekramt wird nach Schnuller & Co.
Man „mutet“ ihnen keinen Frust, keine Traurigkeit oder Wut mehr zu. Hinter jedem Schreien, Weinen könnten sich Dramen im Kleinkind-Gehirn festsetzen, also bitte sofort reagieren, trösten, ablenken, umlenken – denken heute viele der geneigten Mütter. Schnuller abgewöhnen, aber wie? Windel weg und dann? Pause im eigenen Zimmer? Oje.  Haben wir nicht einst die Kinderzimmer als wahre Schlaraffenländer eingerichtet? Jetzt soll es dort so schrecklich sein? Allein spielen? Das geht nicht. Duschen gehen? Kann ich nicht, lässt mich mein Kind nicht. Kann das sein? Die Verunsicherung ist immens groß.

Kinder brauchen Resonanz

Grenzen werden nicht mehr gesetzt.  Eltern sind nicht Partner der Kinder, Eltern müssen ihren Kindern gute Vorbilder sein und ihnen etwas beibringen, damit sie gut zurecht kommen in einem komplexen Lebensumfeld. Doch wir kreisen zunehmend um sie herum, um ihnen alle vermeintlichen Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen, um es und uns glücklich zu machen. Das ist der falsche Weg. Es geht genau andersherum: „Sind wir als Eltern glücklich und entspannt, sind es auch unsere Kinder“.

Intuition verloren gegangen

Wo ist nur unsere Intuition geblieben, aus dem Bauch heraus, es schon richtig zu machen? Und „richtig“ machen heißt auch, dass wir auf unsere Bedürfnisse schauen müssen. Dass es uns gut geht, dass wir ausreichend schlafen, Zeit für uns und unsere Partnerschaft und unsere Familie haben.  Doch wir stellen den Kindern 1000 Fragen zu Entscheidungen, die sie noch gar nicht treffen können, wir konfrontieren sie mit Problemen, die uns Erwachsene betreffen und nicht sie, wir setzen sie Stress aus, der nicht zu ihrer Grundausstattung passt. Wir setzen auf Leistung, Druck, Funktionieren-Müssen in unseren eng getakteten Alltagen – und vergessen dabei ganz: Kinder müssen sich vor allem entwickeln können. Es ist an uns die bestmöglichen Rahmenbedingungen dafür zu schaffen – nicht mehr und nicht weniger. Und das als Eltern. Wir etablieren, möglichst in Übereinstimmung mit unseren Partnern, welche Regeln gelten, nicht die Kinder – zumindest nicht, wenn sie klein sind. Daran sollten wir uns dann aber auch konsequent erhalten, denn zu viele Ausnahmen verunsichern Kinder wiederum, die sich dann fragen: „Was denn jetzt“ – hü oder hott… gestern noch erlaubt, heute verboten. Gestern Pause, heute keine.

Lernen, sich durchzusetzen

Wir sollten uns immer wieder vor Augen führen, dass Kinder übrigens auch lernen müssen, sich durchzusetzen, sich zu widersetzen, zu trotzen, zu meckern, Dinge in Frage zu stellen und vor allem auszuprobieren, zu experimentieren. Kinder, die nur zu funktionieren haben, egal ob zu Hause, in der Kita oder Schule, werden sich nicht gesund und autonom entwickeln können. Von ihnen wird verlangt, unsere stressinduzierten Alltage zu leben. Doch sie haben häufig ihre ganz eigenen Vorstellungen – und das ist auch gut so. Wie schön, wenn wir das als Eltern nicht aus dem Auge verlieren und immer einmal wieder auch unser eigenes Verhalten reflektieren.

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